Der erste Buchtitel über inklusive Kulturpolitik
Der erste Buchtitel über inklusive Kulturpolitik  

Über professionelle Kunst von Menschen mit Behinderung und ganzheitliche Barrierefreiheit im Kulturbetrieb
 

Mit Beiträgen von
15 renommierten Expert*innen aus Kunst, Kulturpolitik, Gesellschaft und Wissenschaft

 

Interviews mit Künstlern mit Behinderung

Porträtfoto von Ulla Schmidt © Foto: Laurence Chaperon, 2016

Mit einem Geleitwort
von Ulla Schmidt,
Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages

 

Kommentare

Ein nachdenkliches, aber auch optimistisches Leseabenteuer

 

Schon das Titelbild macht neugierig: Ein Mensch im Rollstuhl auf einem Podest – kaum sichtbar – dirigiert ein großes Orchester! Beiträge von 15 renommierten Expertinnen und Experten aus Kunst, Kulturpolitik, Gesellschaft und Wissenschaft sowie Interviews mit drei Künstlern mit Behinderung (Peter Radtke, Axel Brauns, Benedikt Lika) machen dieses Buch zu einem Leseabenteuer, das einen sehr nachdenklich, manchmal vielleicht sogar zornig, aber auch optimistisch zurücklässt.

Denn es wird deutlich: Inklusion in Kunst und Kultur scheitert häufig an politischer Fantasielosigkeit, fehlender Praxiserfahrung und anderen Barrieren. Diesem Thema wird in der ganzen Inklusionsdebatte kaum Beachtung geschenkt – Ausgrenzung im Kunst- und Kulturbereich gehört noch zum daily business. Aber: Professionelle Kunst von Menschen mit Behinderung ist möglich. Und es ist umsetzbar, Kulturangebote barrierefrei zu gestalten: physisch und mental.

 

Wer sich für Theorien zur Inklusionsdebatte oder zum Menschenbild interessiert, wer wissen möchte, was kulturelle Teilhabe bedeutet und darüber hinaus selbst Anfragen hat, was eigentlich normal ist und was nicht, bekommt einen hervorragenden Überblick zur aktuellen Diskussion. Und am Ende wird man vielleicht zur Erkenntnis gelangen: Wenn behinderte Kunstschaffende endlich in Kunst, Literatur, Musik, Film und Theater selbstverständlich agieren können, ist das eine große Bereicherung für unsere Gesellschaft.

 

Und was dieses Buch so lesefreundlich macht: die Worterklärungen (Glossar-Angebot) und die Literaturhinweise nach jedem Artikel.

 

Gerhard Einsiedler

 

Erschienen in: Behinderte Menschen. Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten. www.behindertemenschen.at

Heft 1/2018, Seite 73

Lieber Herr Traboldt, liebe Leserinnen und Leser dieser Website,
 

ich bin d’accord mit Ihnen, Herr Traboldt, was das Lob des Buchs und der dadurch angestoßenen Diskussion anbetrifft. Aber meine E-Mail bezieht sich nicht direkt auf das Buch (das ich größtenteils mit Zustimmung gelesen habe), sondern ganz allgemein auf das Thema inklusive Kulturpolitik: Ihre Kritik am vermeintlichen „Euphemismus“ und der vorgeblichen „Romantik“ bei „nicht-behinderten Berufsinklusionisten“ kann und möchte ich so nicht teilen und schon gar nicht Ihren Anwurf eines „Dralls zum Postfaktischen“ seitens der Behindertenhilfe. Die Überwindung gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten und Missstände bedarf immer einer Vision, die – und das ist doch gerade das Wesen der Vision! – zunächst immer auch etwas Utopisches, Deutendes, Behauptendes hat. Der von Ihnen beklagte Streit um die Deutungshoheit: er gehört wesentlich dazu, wenn es darum geht, eine Vision in die Realität umzusetzen!

 

Stellen Sie sich einmal vor, wo wir heute stünden, wenn es nicht Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts visionäre Humanisten gegeben hätte, die die Deutungshoheit über die Sichtweise eines Lebens mit Behinderung an sich gezogen und neu und positiv besetzt hätten: Dass eben Menschen mit kognitiv-intellektuellen Behinderungen keine „Blödsinnigen“, „Idioten“ oder „Irren“ sind (so die offizielle Bezeichnung in den Jahrhunderten zuvor) und dass Menschen mit Körperbehinderungen keine „Krüppel“ und „Missgestalten“ sind, sondern dass ihnen ein Leben in Würde und weitestmöglicher Autonomie zusteht.
 

Deshalb kann ich auch nicht nachvollziehen, wieso Sie sich am Begriff „Andersbegabung“ so abarbeiten. Es ist doch nachweislich wirklich so, dass viele Künstlerinnen und Künstler mit Behinderungen signifikante Andersbegabungen haben wie etwa der taubstumme Maler Johannes Thopas mit seiner außergewöhnlichen Porträtisten-Begabung, der autistische Kunstzeichner Gottfried Mind mit seiner phänomenalen Tierdarstellung oder aktuell der autistische Schriftsteller Axel Brauns mit seiner surrealen-wortneuschöpfenden Sprache – diese und weitere Beispiele habe ich dem Buch entnommen und ich finde sie sehr stichhaltig. Und bei diesen Beispielen zeigt sich durchgängig, dass die jeweilige Andersbegabung mit der jeweiligen Behinderung klar zusammenhängt, dass hier aber die Behinderung dann nicht mehr als Defizit, sondern einfach als signifikantes Anderes im reichen Spektrum der Diversität wahrgenommen wird. Diversität bedeutet ihrerseits ja eben genau dieses: legitime Vielfalt an Andersartigkeiten. Jeder Mensch – ob mit oder ohne Behinderung – ist anders und findet genau darin seine Identität.
 

Und noch etwas: Herr Traboldt, Sie machen sich die Forderung von Olaf Zimmermann zueigen, Künstler/-innen mit Behinderung müssten sich wie alle Bewerberinnen und Bewerber dem künstlerischen Wettbewerb stellen. Genau dies halte ich für anfechtbar: Wieso m ü s s e n sich Künstler/-innen mit Behinderung dem Wettbewerb stellen? Die Entscheidung sollte man den betreffenden Künstler/-innen schon selbst überlassen, ob sie sich im Schutzraum der Werkstätte der Behindertenhilfe d.h. im Schutzraum „selbstbestimmt-betreuten“ und assistierten Arbeitens aufhalten oder aber sich in die kommerzielle, kompetitive Kulturindustrie hineinbegeben möchten. Ich warne sehr davor, das eine gegen das andere auszuspielen. Es sind ja gerade die Aufbrüche in den Einrichtungen der Behindertenhilfe, die von den 1970er Jahren bis heute maßgeblich ein Kunstschaffen von und für Menschen mit Behinderung ermöglichen und fördern (insofern ist es mehr als angemessen, dass das Buch diese Aufbrüche auch ausführlich darstellt). Es ist keinesfalls so, dass die in den Werkstätten entstandene Kunst von vorne herein schlechter wäre, als die freischaffend und autonom von Behinderten geschaffene Kunst!
 

Ich finde es richtig und wichtig, Herr Traboldt, dass Sie Ihre Ideologie-Warnungs-Sensoren hinsichtlich der Art und Weise, wie Behinderung in unserer Gesellschaft gedeutet wird, auf Peilungskurs setzen. Aber man sollte aufpassen, dass man als Ideologiebekämpfer nicht unversehens in seine eigene Ideologie-Falle tappt. Nichts für ungut…
 

Hannah Schwertner
 

Dr. Hannah Schwertner-Feil

20457 Hamburg

hannah.schwertner@gmx.de

 

16.03.2018

Lieber Jakob Johannes Koch und liebe Autorinnen des Buchs
„Inklusive Kulturpolitik“,

 

Ihnen allen zunächst einmal ein ganz dickes Dankeschön für Ihren Mut, Kulturpolitik neu, nämlich konsequent inklusiv zu denken!

Das Buch ist wohltuend sachlich und im Gegensatz dazu stört mich schon lange, dass viele Funktionäre der Behindertenhilfe für sich die Deutungshoheit beanspruchen, wie die Gesellschaft und wie Betroffene ein Leben mit Handicaps gefälligst aufzufassen haben. Dabei gibt es einen Drall zur Romantik, zum Euphemismus, zum Postfaktischen.

Gerade die nicht-behinderten Berufsinklusionisten sprechen im Zusammenhang mit Beeinträchtigungen gerne von „Andersbegabungen“, „special/different abilities“ usw., und jeder der weiterhin „behindert“ sagt, weil er sich halt täglich als „behindert“ erlebt, wird dann als bedauerlich-rückständig in die Ecke gestellt.
 

Ich möchte mir aber von niemandem vorschreiben lassen, wie ich meine Behinderung aufzufassen habe! Peter Radtke bringt es wieder einmal auf den Punkt, wenn er in seinem Interview (in dem vorliegenden Buch) sagt: „Ich habe das Gefühl, dass es heute mit der politisch korrekten Sprache derart übertrieben wird, dass es schon ins Skrupulöse umschlägt – was kontraproduktiv ist.“ Und etwas später sagt er ganz ungeschminkt: „Schade, dass die Jana Zöll behindert ist, die hätte mit ihrer phänomenalen Begabung sonst eine wirklich große, internationale Karriere machen können.“

Danke, dass das endlich einmal jemand so 100prozentig realistisch und unsentimental ins Wort bringt! Und Peter Radtke sagt das aus größter Glaubwürdigkeit heraus, denn als er seine Trachealkanüle bekam, war es für ihn mit der Schauspielerei zu Ende. Und da half ihm auch keine Andersbegabungsromantik mehr.
 

Inklusive Kulturpolitik heißt also beides: strukturelle und physische Barrieren im Kulturbetrieb weitestmöglich abbauen und zugleich mit romantisch-euphemistischer Wirklichkeitsklitterung aufhören, die ja nur eine andere Form von Stigmatisierung ist (Danke, Thomas Noetzel, für Ihren brillanten und subtilen Beitrag dazu!!!)
 

Menschen mit Behinderung brauchen keinen Mitleidsbonus, dass sie natürlich gerne alle und jederzeit auf den Bühnen, in den Galerien usw. auch irgendwie mitmachen dürfen, wenn sie das nur wollen, weil sie ja sonst so benachteiligt sind usw. Das klingt oberflächlich zwar gut gemeint, ist aber verkappt herablassend gedacht und bewirkt damit letztlich exakt das Gegenteil dessen, was Inklusion in der Kultur bewirken soll (vgl. wiederum Thomas Noetzels Einlassung).
 

Deshalb erweist sich in dem Buch auch der Werkstattbericht von Rolf Emmerich als Glücksfall: was sich hier so furztrocken liest, ist eine absolut authentische Wirklichkeitsbeschreibung dessen, was hinter den Kulissen inklusiver Kulturarbeit abgeht. Emmerich beschreibt die Theaterproduktion „menschen! formen!“ mit dem Schauspielensemble HORA (dessen Ensemblemitglieder alle eine IV-zertifizierte „geistige Behinderung“ haben). Emmerich dazu wörtlich: „Es entstand bei den Proben sehr schnell ein ‚Kuschelfaktor‘: Alle ‚hatten sich lieb!‘ Aber – so paradox das vielleicht auf Anhieb klingen mag –, das ist bei einer solchen Theaterproduktion nicht immer wirklich zielführend. Es braucht auch eine Form von ‚Distanz‘ [...].Es braucht auch für Nichtbehinderte Zeit und Vertrauen, eigene falsche Rücksichtsnahmen zurückzunehmen. Diese Zeit fehlte, weil die zusätzlichen finanziellen Mittel für eine entsprechend deutlich längere Probenarbeit fehlten.“ Ich denke, das spricht für sich und muss nicht weiter kommentiert werden. Aber es ist unverzichtbar für die inklusiv-kulturpolitische Debatte, solche O-Töne sehr ernst zu nehmen.
 

Inklusive Kulturpolitik verdient diese Bezeichnung nur dann, wenn sie den Qualitätsaspekt von Kunst nicht einem falschen „Kuschelfaktor“ (Emmerich) opfert. Dazu Olaf Zimmermann in seinem Beitrag: Künstlerinnen und Künstler mit Behinderung „...müssen sie sich wie alle Bewerberinnen und Bewerber dem künstlerischen Wettbewerb stellen.“ That’s it!
 

Fazit: Ein großartiges, wichtiges Buch, gerade weil es seinen Fokus über den Schutzraum der künstlerischer Werkstättenarbeit der Behindertenhilfe hinaus richtet. Ein großartiges, wichtiges Buch, weil es unideologisch und dennoch appellativ ist – eine Kombination, die höchst selten geworden ist. Gerne können Sie meinen Kommentar auf Ihrer Website veröffentlichen.

 

Viele Grüße

 

Reiner Traboldt

53840 Troisdorf

E-Mail: r-traboldt@t-online.de

 

09.03.2018

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

die Buchpräsentation am Mittwoch war sehr gelungen. Ich bin froh, dass ich mich trotz Zeitmangels doch durchgerungen habe, diesen Abend in Berlin noch dranzuhängen, denn es war von der ersten bis zur letzten Minute fesselnd, sogar die Grußworte der Repräsentanten zu Beginn.

Ich habe das Buch gerade bestellt und weiß jetzt schon, dass ich die Artikel von Siegfried Saerberg und Bea Gellhorn als erstes lesen werde, weil die beiden mich auch auf dem Podium am meisten beeindruckt haben (natürlich werde ich dann auch die anderen Beiträge lesen). Auf die Interviews mit den Künstlern mit Behinderung bin ich ebenfalls sehr gespannt. 

 

Vielen Dank für die Initiative, die mit dem Buch angestoßen wurde und die hoffentlich weite Kreise zieht. Ich bitte Sie, fahren Sie auf dieser Schiene weiter, denn eine Zwei-Klassen-Gesellschaft in Kunst und Kultur, die Menschen mit Behinderungen Teilhabe verweigert oder erschwert, ist inhuman. Veränderung tut hier dringend not!

 

Mit Dank und besten Grüßen

 

Florian Ketteler

15230 Frankfurt

E-Mail: florian.ketteler@t-online.de

 

05.10.2017

Liebe Macher des Buchs "Inklusive Kulturpolitik",

 

ich war letzte Woche bei der Buchvorstellung und ich fand es toll, zu sehen, dass beim Thema Inklusion & Kultur „mehrere Wege nach Rom führen“. Die Expertinnen und Experten auf dem Podium waren jede und jeder für sich total überzeugend, auch wenn sie unterschiedliche inklusive Ansätze vertreten. Diese Lösungsvielfalt darf man nicht plattwalzen, weil es ja auch unendlich viele Formen von Behinderungen und unendlich viele unterschiedlichen Konzepte von „Kultur“ gibt.

Ich habe mir dann gleich das Buch gekauft und habe zunächst vor allem die drei Interviews mit den behinderten Künstlern durchgelesen: Das sind so großartige, lebensweise Menschen und Künstler (P. Radtke, A. Brauns und B. Lika) mit so sympathischen Visionen von Inklusion. Ich kann Ihnen und unserer ganzen Gesellschaft nur von Herzen wünschen, dass diese Visionen umgesetzt werden.

Ihnen als den Machern des Buchs ein ganz großes Kompliment!

 

Herzlichst

 

Sonja Ebner-Kohn

10245 Berlin

E-Mail: sonja.ebner-kohn@web.de

 

04.10.2017

 

Menschen mit Behinderung in Kunst und Kultur
 

Mo 11.09.17 09:10 | 06:34 min | Bis 12.09.18 | kulturradio des Rundfunk Berlin-Brandenburg
 

Im Theater und der Oper gibt es Rampen und besondere Plätze für Rollstuhlfahrer*innen, Museen stellen Kunst von psychisch kranken Menschen aus und Theatergruppen wie Rambazamba spielen mit Erfolg für ein nicht-behindertes Publikum. Doch wo fehlt es noch an der Möglichkeit für Teilhabe von behinderten Menschen? Ein Interview mit Jakob Johannes Koch, der gerade ein Buch zur inklusiven Kulturpolitik herausgegeben hat.
 

Zum Interview

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